Ausstellungseröffnung „Schönheit im Alter“ im Landratsamt

Rastatt (hr) – Mit Aktfotos von älteren Menschen, die zum Teil pflegebedürftig sind, haben der Fotograf, Einrichtungsleiter und studierte Kulturgeragogiker (Kulturarbeit mit Älteren) Andreas Vincke vom Wittener Altenzentrum am Schwesternpark und Manuela Söhnchen vom Sozialen Dienst in ihrem 10ten Kalender bewusst ein Tabuthema aufgegriffen. Für die 12 Bilder haben sechs Damen und drei Herren unserer Einrichtung, die zwischen 79 und 98 Jahre alt und pflegebedürftig sind, Modell gestanden. Schönheit im Alter existiert – das beweisen die eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die sinnlich dezent nackte Haut zeigen. „Sobald Menschen die 80 überschritten haben, wird Sexualität wieder zum Tabu, erst recht, wenn Pflegebedürftigkeit dazukommt, das Bedürfnis nach körperlicher Nähe bleibt aber bestehen“, erklärte Vincke bei der Eröffnung der Ausstellung im Landratsamt Rastatt, die noch bis Ende August im Foyer des Landratsamts zu sehen ist. Mit dem ersten Kalender vor 10 Jahren wollten die Macher dem Alter ein radikales und ungewohntes neues Gesicht geben. An der Motivation hat sich nichts geändert, betonte der Fotograf, wobei die Pflegebedürftigkeit keine Rolle spielt. Wir wollen nicht die Pflege, sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellen und das meist negative Bild der Pflege in der Öffentlichkeit zurechtrücken.

Im ersten Jahr kostete es viel Überzeugungskraft, heute sehen wir nur strahlende Gesichter und freuen sich unsere Senioren, wenn sie gefragt werden.

Der erotische Kalender hat viel Aufregung im Haus hinterlassen, räumte Vincke ein. Etwa ein Viertel der Heimbewohner sieht die Aufnahmen kritisch, wobei in Gesprächen mit den Kritikern bestätigt wurde, die negativen Gedanken spielen sich ausschließlich im Kopf ab. Stolz dagegen sind die fotografierten Frauen und Männer, wovon sich eine Seniorin zuvor noch nie bewusst nackt gezeigt hat, und deren Angehörigen, so wurden beispielsweise viele Kalender mit strahlenden Augen den Kindern und den Enkeln geschenkt und betonte ein 96-jähriges Modell „So schön hat mich noch nie einer fotografiert“. Ein weiteres Modell, das schwer dement ist, gefällt jeden Tag ihr Foto, kann sich aber weder an die Aufnahme noch an den Fotografen erinnern. Uns ist die kulturelle Teilhabe unserer Bewohner wichtig, die künftig eine noch größere Rolle spielen wird und kein Pflegeheim daran vorbeikommen wird. Beim Rundgang mit den Besuchern und dem 1. Landesbeamten Dr. Jörg Peter und dem Sozialdezernent Stefan Biehl musste der Vincke viele Fragen zu seiner Technik beantworten. Ein paar Tricks verriet er, beispielsweise vom im Haus eingerichteten kleinen Studio und dass zur Einstellung der richtigen Beleuchtung Mitarbeiter als Double bereitstehen, da die teils sehr betagten Modells nicht lange in der jeweiligen Position verharren können.

Stolz sind die Macher, dass ihr Kalender nach mehreren Nominierungen 2019 beim internationalen Wettbewerb Gregor Calender Award als ein ausgezeichnetes soziales Projekt mit einem Award of Excellence ausgezeichnet wurde und ihr Kalender auch im Buchhandel erworben werden kann. Die Einnahmen werden für weitere kulturelle Projekte im Haus eingesetzt.