Expertenkreis Inklusion tagte

Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch begrüßte neben seinen Mitarbeiterinnen die Referenten des Abends, Hans Kühn vom Blinden-/Sehbehindertenverein Südbaden und Professor Jo Jerg von der Evangelische Hochschule Ludwigsburg und beglückwünschte die neue Vorsitzende des Kreisseniorenrats Doris Schmith-Velten zu ihrer Wahl. Neben der Vorsitzenden haben die Vorstandsmitglieder Rudolf Fritz und Hans Riemer den Kreisseniorenrat vertreten.

Einen perfekten Einstieg in die Sitzung des Arbeitskreises Inklusion lieferte Hans Kühn mit seinem frei vorgetragenen Plädoyer für eine vielfältige und inklusive Gesellschaft, das auf einem Beitrag von Raul Krauthausen https://raul.de/leben-mit-behinderung/ein-plaedoyer-fuer-eine-vielfaeltige-inklusive-gesellschaft/ basierte. Kühn beschrieb das medizinische Modell von Behinderung als klassischen Ansatz, der seit jeher den Blick auf behinderte Menschen prägte. Hier wird Behinderung als Problem empfunden, als ein Zustand, der behandelt und im Idealfall beseitigt werden kann. Wenn eine Beseitigung nicht möglich ist, dann wäre wenigstens eine Optimierung des behinderten Menschen wünschenswert, um ihn möglichst schnell wieder zu einem “funktionierenden” Mitglied der Mehrheitsgesellschaft zu machen und wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Der behinderte Mensch wird auf sein “Defizit” reduziert: Der Mensch und seine Behinderung ist das Problem – behindernde Faktoren werden außen vorgelassen. Das soziale Modell dagegen sieht das Problem nicht in der behinderten Person selber, sondern in gesellschaftlichen Bedingungen (Barrierefreiheit), die verbessert werden müssen. Als problematisch betrachtete Kühn, dass Menschen mit und ohne Behinderung von Anfang ihres Lebens an getrennt aufwachsen und größtenteils unterschiedliche Bildungsinstitutionen besuchen. Dabei könnte die kindliche Unvoreingenommenheit genutzt werden, um schon in jungen Jahren in Beziehung zueinander zu treten und uns zu einer Wir-Gesellschaft zu entwickeln – Behinderung lediglich als ein Problem der behindernden Umwelt verstehen lernen, das gemeinsam gelöst werden kann. Kinder mit und ohne Behinderung sollten von Beginn an zusammenleben, lernen, spielen und Spaß haben – sie sollten gemeinsam aufwachsen dürfen.

Kühn forderte im Laufe der Diskussion die Planer auf, vom Beginn ihrer Planungen an die DIN-Norm für barrierefreie Gestaltung des öffentlichen Raums einzuhalten. Es kann nicht sein, dass wir mit fertigen Planungen konfrontiert werden, die dann auf unsere Bedürfnisse geändert werden müssen. Das kostet nicht nur Geld, es kostet auch Zeit.

Die Leiterin der Servicestelle Inklusion Margrit Wagner-Körper, Jasmin Weinert vom Hochbau, Neriman Gärtner von der Verwaltung der städtischen Dienstgebäude und Kristin Stefan vom Kundenbereich Grünplanung und Bauleitung auf den Sachstand des Kommunalen Aktionsplans Inklusion 2016 bis 2018 zurück, der in zwölf Themenfelder Barrieren abbauen sollte. In dem Zeitraum wurden 18 zusätzliche Maßnahmen in den Aktionsplan aufgenommen. 154 der insgesamt 230 Maßnahmen konnten mit einem Aufwand 9,4 Millionen Euro umgesetzt werden. Als Beispiele nannten die Expertinnen den barrierefreien Umbau des Rathauses, die barrierefreie Sanierung des Rossi-Hauses und den barrierefreien Umbau von Straßenkreuzungen. Wenn der Test im Rossihaus funktioniert, sollen künftig alle städtischen Gebäude auf digitale und akustische Leitsysteme umgestellt werden, erläuterte Gärtner und lud den Expertenkreis zu einer Vor-Ort-Besichtigung ein.

Viel Beachtung fand die von Kristin Stefan vorgestellte überarbeitete Planung für den Postplatz, der über Belagsrillen und visuelle Gestaltung Sehbehinderten eine bessere Orientierung ermöglichen soll und vom Gemeinderat gebilligt wurde (wir berichteten). Um zu testen welcher Belag am besten geeignet ist, haben zwei Firmen Musterplatten eingebaut, die ausgiebig getestet werden sollen. Auf Nachfrage räumte der Oberbürgermeister ein, dass eine völlige Verbannung der Parkplätze politisch nicht durchsetzbar war.

Beeindruckt zeigte sich Jo Jerg vom städtischen Umsetzungswillen des Aktionsplans und bescheinigte der Verwaltung, der Inklusionsgedanke wurde verinnerlicht. Nachholbedarf sieht Jerg bei den Dienstleistern. Als neue Handlungsfelder stellte Jerger die „Frühkindliche Bildung, Erziehung, Betreuung“ und das „Wohnen“ und das um den Begriff „Partizipation“ ergänzte Handlungsfeld „Barrierefreiheit für politische Teilhabe“.

In der abschließenden Diskussion regten Teilnehmerinnen über das Stadtgebiet verteilte barrierefreie Boule-Plätze und die Ausbildung von Wohnberatern in allen Stadtteilen vor, wie sie der Kreisseniorenrat seit Jahren erfolgreich ausgebildet hat.

2019-03-26 Expertenkreis Inklusion BT